Monat: Juli 2020

Utopische Brücke

Am Ende der Reise steht ein Gedanke im Vordergrund: für mich geht es nicht nur um eine Brücke über die Elbe sondern mit der Elbe. Die Dreiecksbeziehung von Ufer, Fluß und Brücke verbinden. Ein Kreis durch Fluß und Ufer. Die Brücke auch unterhalb der Wasseroberfläche. Wie schön wäre es, wenn wir unter Wasser weiter gehen könnten. Eine Brücke für die Utopie.

Hamburg

Hier ist es eine einzige Landschaft aus Brücken, Tunneln, Gleisen und Betoninseln. In einer solchen Menge fällt es schwer, sich darauf zu konzentrieren. Aber es entsteht auch eine Art Biotop der Konstruktionen. Die Betoninsel nicht als Ort des Rückzugs, sondern eher als Steine im Wasser, die zusammen einen Übergang durch den Fluß erlauben. Von Stein zu Stein springen. Das es sich hier um die gleiche Elbe handelt wie in Dömitz oder Torgau ist schwer vorstellbar. Zu anders ist der Eindruck.

Regulierter Strom

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Elbe als Verkehrsweg intensiv genutzt und ausgebaut. Schon ab 1818 leitete der Ingenieur R. Woltman die Elbvertiefung und die damit verbundene Ausbaggerung des Flussbettes ein. Seitdem herrscht ein Richtungsstreit: soll man die Elbe möglichst wenig verändern oder den Fluß als Wasserstraße regulieren und umbauen. In den Augen des englischen Historikers David Blackbourn hängt der gesellschaftliche und politische Fortschritt in Deutschland eng mit der Zähmung des Wassers zusammen. Der Wasserbau als Instrument staatlicher Infrastruktur. Nach Woltman sind Straßen benannt, für jene, die den Fluß in Ruhe lassen, gibt es das nicht. Immerhin gibt es in vielen Orten entlang des Flusses eine Elbe Straße.

Wandern

Den Satz von Susan Sontag „Ich schreibe, um heraus zu finden, was ich denke.“ kann ich auch aufs Wandern beziehen: ich wander, um heraus zu finden, was ich denke. Da liegt vielleicht eine Gemeinsamkeit oder Verwandtschaft von Schreiben/Zeichnen und Wandern.
Schreiben wie Wandern und umgekehrt. Losgehen, zögern, zweifeln, Strecke machen, Schritte zählen, umschauen, genießen, Umgebung erkunden, Weg suchen, sich verlaufen, finden, verpassen…

Montag

Die abgebrochene, halbe Brücke weiter bauen. Aber nicht vollständig, sondern als Fragmente in der Landschaft, in der Richtung der Brücke. Dann kann man sie imaginieren als unendliche Fortführung. Wie die transportable U-Bahn Station von Martin Kippenberger. Auf dem Foto sieht man ein Denkmal in der Nähe von Dömitz für jene Flüchtlinge, die während der Sprengung 1945 auf der Brücke waren, als diese gesprengt wurde.

Dömitz

In Dömitz wurde ebenfalls die Brücke am Ende des zweiten Weltkrieges gesprengt. Durch die politischen Entwicklungen nach 1945 wurde sie aber nicht wieder vollständig aufgebaut. Jetzt steht die halbe Brücke wie eine Skulptur in der Landschaft, ein nutzloses Bauwerk, das umso stärker eine metaphorische Ausstrahlung hat. Ernst Kapp behauptet in seinen „Grundzügen einer Philosophie der Technik“, dass alles, was der Mensch technisch entwirft eine Projektion seiner Körperlichkeit ist. Der Hammer kopiert die Faust, das Sägeblatt die Schneidezähne. Was von uns kopieren wir mit der Brücke?

groß und klein

„Ich glaube an das Grosse, im Grossen wie im Kleinen“ singt Mittekill auf seiner montierten Gesellschaft. Das ist das bildende an der Kunst für mich, dass es überhaupt kein Rezept gibt. In dem Moment wo ich versuche es festzulegen, springt es weg. Und dann sehe ich Müll auf der Straße zwischen zwei Autos und der Spielraum ist wieder da.

Handlungsfähigkeit

Im Umland von Magdeburg. Richtung Norden. Bei der Kiesfabrik fährt ein Trichter auf der Transport Brücke hin und her und erzeugt langsam aber stetig die Kiesberge. Eine Brücke in Aktion. Nicht ein passiver Gegenstand, den man selbstverständlich nutzt, der einfach nur da liegt. Sondern beweglich und aktiv ist. Die Brücke als eigenständiger Handlungspartner.

Kitsch

Irgendwo habe ich mal gelesenen, Kitsch ist, wenn das Ende vorhersehbar ist, wenn der Verlauf nicht mehr offen ist. Also keine überraschenden Wendungen. Der Groschenroman ist insofern natürlich reiner Kitsch. Es gibt keine dialektische Verwandlung. Der Gute bleibt bis zum Ende der Gute und umgekehrt geht es mit dem Bösen. Kitsch hat aber nichts mit Alltag- oder Museumskultur zu tun, sondern mehr damit, sich nicht mehr überraschen zu lassen. Das kann einem überall begegnen. Sich als Kind eines Flusses zu bezeichnen finde ich persönlich sehr überraschend.

Der Engel der Geschichte

Während wir versuchen, die Vergangenheit zu verstehen, treibt uns der Wind schon in die Zukunft. Deswegen ist es so schwierig, aus der Geschichte zu lernen. Weil man kaum die Umstände der Ereignisse verstanden hat und schon unter völlig neuen Bedingungen sich wieder Dinge ereignen. Vielleicht können die Geschichten unter der Geschichte das, wohin der Wind treibt, etwas weniger überraschend machen.